
Eberhard Czichon / Heinz Marohn
Bei der Buchpräsentation am 18. 8. 2010 in der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg wurde in der anschließenden Diskussion gefragt, wieweit die Meinung von Hermann Weber zutrifft, dass es Stalin war, der 1928 in der Wittorf-Affäre Thälmann »gerettet« habe. Weber begründet seine These mit der Korrespondenz zwischen Stalin und Molotow. (Vgl.: Der Thälmann-Skandal, Geheime Korrespondenzen mit Stalin. Berlin 2003.) Im Neuen Deutschland vom 21./22. 8. 2010, S. 22 findet ein Autor, dass er diese »...historische Wahrheit« in unserem Buch vermisse.
Wir nehmen an, dass der ND-Autor sich nicht die Mühe gemacht hat, im SAPMO-Bestand im Bundesarchiv die Dokumente zu diesem Vorgang zu lesen, und er sich seine Meinung an Webers Publikation gebildet hat. Um den historischen Zusammenhang zu verdeutlichen, stellen wir die Seiten 379-402 aus unserem Buch hier zum mitlesen zur Verfügung und dazu veröffentlichen wir einige Dokumente aus dem Bundesarchiv Berlin (SAPMO-Bestand), die Hermann Weber ausgelassen hat, obwohl sie ihm bekannt waren. Die Dokumente belegen, dass vom Kollektiv des Präsidiums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, von Mitgliedern des ZK der KPD unterstützt, der Putschversuch, Thälmann über die Unterschlagung von Geldern durch John Wittorf abzusetzen, ihn aus der KPD auszuschließen (Weber, S. 133, vgl.: BArch RY 1: I 2/1/ 61 Bl. 63-64) um ihre Politik zu verändern, entschieden zurückgewiesen wurde (Dok. 20, Weber S. 166-167). Dieser Beschluss des Präsidium des EKKI und Thälmanns Verhalten wurde in der KPD, in den 27 Bezirksleitungen und auf Parteiarbeiterkonferenzen offen diskutiert und es wurde über den EKKI-Beschluss in der KPD abgestimmt. (Dok. 23) Stalin hat seine Meinung zu dem Vorgang an Molotow, der dem EKKI-Präsidium neben 29 anderen Funktionären angehörte intern geäußert (Weber, S. 153/154). Stalin hat an der Beschluss-Sitzung nicht teilgenommen. (Dok. 19) Er hat lediglich, wie selbst Weber zugibt, auf Vorschlag von Pjatnitzki (einem Mitglied des EKKI-Präsidiums) vom 15.10. (Weber S. 220/222) Thälmann erst am 25.10. einen Brief geschrieben und ihn für sein Verhalten in dieser Angelegenheit kritisiert (Weber S. 222/223).
Weber versucht in seinem »Skandal«-Buch, die Position der innerparteilichen Putschisten gegen Thälmann zu rechtfertigen. Er stützt sich dabei neben subjektiv ausgewählten Dokumenten auf Gerüchte und Materialien aus dem Leninbund und von Brandler-Leuten, die den Parteiputsch initiierten und nach seinem Scheitern in der KPD gegen ihre Führung eine Fraktion aufbauten. Webers Darstellung als »historische Wahrheit« auszugeben, bedarf schon einer bewussten Zustimmung zur antikommunistischen Geschichtsinterpretation aus den Jahren des kalten Krieges. Es ist der Versuch, sie heute fortzusetzen, obgleich alle Dokumente im Bundesarchiv frei zugänglich sind.
Als Reaktion auf die Fraktionsarbeit der Brandler-Leute wurden sie aus der KPD ausgeschlossen, bzw. sie traten selbst im Dezember 1928 aus und bildeten die KPD(O). In der innerparteilichen Auseinandersetzung der KPD hat nicht Stalin Thälmann »gerettet«, sondern der Beschluss der Deutschen Kommission und des EKKI-Präsidiums haben den Parteiputsch der Brandler-Leute zurückgewiesen. Die überwiegende Mehrheit der KPD-Funktionäre und Mitglieder der Basis haben Thälmann gegen die Putschisten verteidigt. (Dok. 23) Das ist die historische Wahrheit.
Im 5. Kapitel des Buches, »Das Ende der Stabilisierung (1927 – 1929)«, behandeln die Autoren ausführlich den »Wittorf-Konflikt«.
Verlag und Autoren stellen Interessierten den kompletten Abschnitt (S. 379–402 des Buches) zum kostenlosen Download zur Verfügung (PDF, ca. 124kB).
Beschluss-Protokoll der Politbüro-Sitzung vom 25./26.9.1928
Anlage: Zahlencodschlüssel der KPD für Mitglieder des ZK 1928
BArch RY1: I 2/ 3/ 8, Bl. 428-429
Beschluss-Protokoll der ZK-Sitzung vom 26./27.9.1928
BArch RY1: I 1/ 2/ 62, Bl. 482-483
Aus der Partei (RF vom 27.9.1928)
Rote Fahne, Berlin, 27.9.1928
Schreiben eines Redakteurs der RF vom 27.9.1928
BArch RY1: I 2/ 3/ 70, Bl. 95-97
Beschluss-Protokoll der Politbüro-Sitzung vom 27.9.1928
BArch RY1: I 2/ 3/ 8, Bl. 512
Schreiben von Leo Flieg vom 28.9.1928
BArch RY1: I 2/ 5/ 10, Bl. 50
Schreiben des Politbüros an die Polsekretäre der Bezirke, 29.9.1928
BArch RY1: I 2/ 3/ 70, Bl. 3-5
Schreiben Hermann Remmele vom 29.9.1928
BArch RY RY1: I 2/ 3/ 70, Bl. 1
Beschluss des EKKI-Präsidiums vom 30.9.1928
BArch RY RY5: I 6/ 3/ 19, Bl. 138
Beschluss-Protokoll der Politbüro-Sitzung vom 1.10.1928
BArch RY1: I 2/ 3/ 8, Bl. 514
Erklärung Josef Schlaffer vom 1.10.1928
BArch RY1: I 2/ 3/ 70, S. 76
Konspekt über die Sitzung der Deutschen Kommission des EKKI
BArch RY5: I 6/ 3/ 60, Bl. 1-253
Rede Thälmanns in der Kommission am 2.10.1928
BArch RY5: I 6/ 3/ 60, Bl. 48-73
(auch in zwei Teilen zu je ca. 2 MB:)
Rede Arthur Ewert am 2.10.1928
BArch RY5: I 6/ 3/ 60, Bl. 76-85
Rede Hugo Eberlein am 2.10.1928
BArch RY5: I 6/ 3/ 60, Bl. 85-91
Beschluss-Protokoll der Politbüro-Sitzung vom 5.10.1928
BArch RY1: I 2/ 3/ 8, Bl. 527
Protokoll der Sitzung der Deutschen Kommission am 4.10.1928
BArch RY5: I 6/ 10/ 60, Bl. 111-124
Protokoll der Sitzung der EKKI-Präsidiums am 6.10.1928
BArch RY5: I 6/ 10/ 19, Bl. 148-164 (bei H. Weber nur als Kurzprotokoll, S. 165-166)
Beschluss des EKKI-Präsidiums vom 6.10.1928
Rote Fahne, Berlin, 9.10.1928
Schreiben Walter Ulbrichts vom 6.10.1928
BArch RY5: I 6/ 10/ 83, Bl. 46-48
(H. Weber. S. 176-182, bemühte ein Moskauer Archiv, das RGSASP (Russische Staatliche Archiv für soziale und politische Geschichte) für dieses Dokument)
Schreiben von Helene Overlach vom 8.10.1928
BArch R1 I 2/ 5/ 10, Bl. 53
Schreiben von John Wittorf vom 9.10.1928
BArch R1: I 2/ 3/ 70, Bl. 105
BArch R1: I 2/ 3/ 70, Bl. 34-47
(In zwei Teilen:)
Rundschreiben des ZK der KPD vom 15.10.1928
BArch R 1/ 40, Bl. 46-47
Beschluss des ZK der KPD vom 20.10. zu dem Beschluss des EKKI
Rote Fahne, Berlin, 20.10.1928
Schreiben des ZK der KPD an das EKKI-Sekretariat, 25.10.1928
BArch R5: I 6/ 3/ 166, Bl. 46-50
Ergänzung zum Bericht an das EKKI vom 27.10.1928
BArch R5: I 6/ 3/ 166, Bl. 51
Schreiben des ZK an das EKKI vom 3.11.1928
BArch R5: I 6/ 3/ 166, Bl. 54-55; vgl. ebd, RY5: I 6/ 10, 83, Bl. 51-52