Thälmann - Ein Report

 

»Thälmanns Erbe ist für Kommunisten unverzichtbar und sein klassenbewusster Kampf um Freiheit und Rätedemokratie, gegen die Diktatur des Kapitals, bleibt ebenso wie seine antifaschistische Haltung das Vorbild für kommunistische Politik. Ihn gegen Verleumdungen zu verteidigen, ist in der Gegenwart zugleich ein Anliegen des antifaschistischen Erbes.«

 

 

 

Vortragsmanuskript: 15. Linke Literaturmesse

Auf der 15. Linken Literaturmesse in Nürnberg (19. bis 21. November), stellte Eberhard Czichon den Thälmann-Report vor und diskutierte in zwei Veranstaltungen mit Interessierten.

 

Wir dokumentieren das vollständige Vortragsmanuskript, in dem Czichon auch auf Vorwürfe gegen das Buch eingeht.

 

 


 

 

Forschungen zur Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung

Als wir vor fünf Jahren zur 10. Linken Literaturmesse unser Projekt vorstellten, hatte Heinz Marohn es als ideelle Komponente der gesellschaftlichen Gegenkräfte für eine humanistische und sozialistische Zukunft definiert. Das Ergebnis liegt nun als Buch vor und wir können sowohl über unsere Erfahrungen bei seiner Realisierung als auch über seine erste ideologische Wirkung berichten. Für eine marxistische Analyse orientierten wir uns vor allem auf eine akribische Auswertung archivarischer Primärquellen


Wir waren überrascht, dass es gar nicht notwenig war in die Archive nach Moskau zu fahren, um relevante Archivzusammenhänge zur Geschichte der revolutionären Traditionen der deutschen Arbeiterklasse zu suchen. Im Bundesarchiv Berlin befindet sich das Historische Archiv der KPD. Es ist wohl der einzige erhalten gebliebene geschlossene Aktenbestand der Parteien der Weimarer Republik. Weder die Akten der SPD noch die der Gewerkschaften liegen in einer solchen zusammenhängenden Übersicht vor. Dazu kommen die Akten der KPD-Vertretung bei der Kommunistischen Internationale und natürlich die umfangreichen Akten der Repressions- und Überwachungsorgane der Weimarer »Demokratie«, die mit allen Mitteln versuchte, die revolutionäre Bewegung, vor allem die KPD, auszuspionieren und zu kriminalisieren. Diese Aktenbestände, der Politischen Polizei wie der Justizorgane, sind zwar sehr kritisch zu benutzen, doch sie stehen in einer aufschlussreichen Wechselbeziehung zu den KPD-Akten. Diese werden noch durch die Nachlässe führender Funktionäre der KPD ergänzt.


Darüber hinaus standen uns neben einem umfangreichen Nachlass Thälmanns auch verschiedene Nachlässe führender Funktionäre der KPD zur Verfügung, die wesentliche Dokumente zur Persönlichkeit des Parteivorsitzenden wie zur Soziologie der revolutionären Bewegung enthalten.


Diese Primärquellen machen Forschungen von den Erzählungen von Renegaten unabhängig. Wo sie mit den Primärquellen verglichen werden konnten machten wir die Erfahrung, dass sie weit entfernt von der historischen Wahrheit waren.


Für unser Vorhaben einer archivgestützten Untersuchung der kommunistischen Bewegung gibt es mithin in der Bundesrepublik eine dichte Quellenbasis. Sie zu erschließen bedarf einer aufwendigen Arbeit und zudem einer akribischen Quellenkritik, besonders hinsichtlich der Akten der republikanischen und der faschistischen Repressivorgane. Sie sichern eine zuverlässige Datenbasis für historische Forschungen.


Warum wir uns aus der Fülle dieses Aktenmaterials entschlossen hatten, Ernst Thälmann in den Focus unserer Arbeit zu stellen, hatte mehrere Gründe. Erstens repräsentiert Thälmann wie kaum ein anderer führender Funktionär die Politik der KPD und zugleich der Kommunistischen Internationale. In seinem politischen Verhalten reflektieren sich die Widersprüche einer Kommunistischen Weltpartei mit ihren Sektionen, ebenso wie die sich daraus ergebenden persönlichen Spannungen.


Zweitens steht seine Persönlichkeit im Zentrum der gegenwärtigen historischen Debatte der Vertreter des heutigen Geschichtsrevisionismus und der Anti-Stalin-Hysterie, von der Antikommunismuspropaganda des Hermann Weber bis hin zur Rosa-Luxemburg-Stiftung, was Ronald Friedmann, der Online-Redakteur der PDL, kürzlich in seiner Rezension nochmals verdeutlichte.


Und vor allem ist Thälmanns Wirken mit den Klassenkämpfen der Arbeiter in den Jahren nach der Novemberrevolution und am Vorabend der Machtübertragung an Hitler verbunden.


Unser Nachteil war, dass wir nur zu zweit vor dieser komplexen Problematik standen. Es war nicht nur die Menge des Quellenmaterials zu analysieren, sondern sich auch mit den Fälschungen bzw. den Auslassungen der modernen Geschichtsumdeuter auseinander zu setzen. Nicht auslassen konnten wir die verschiedenen Strömungen in der KPD und ihre taktischen Differenzen.


Uns stand kein Kollektiv zur wissenschaftlichen Beratung zur Verfügung. Unterstützung fanden wir allein bei der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg und später durch einzelne Zeitzeugen. Deren Hilfe wir dankbar annahmen.


So suchten wir zunächst die öffentliche Diskussion über die »junge Welt«. Wir lernten von denen, die uns widersprachen. Und wir nutzten Aussprachen in öffentlichen Veranstaltungen. All das half uns zumindest bei der Beurteilung, wieweit die Linke heute für die Problematik ihres revolutionären Erbes aufgeschlossen ist und wo Schwerpunkte ihres gegenwärtigen gesellschaftlichen Geschichtsbewusstseins liegen.


Wir mussten zudem berücksichtigen, dass sich in den letzten 20 Jahren erhebliche Rückbildungen und Verkümmerungen im Wissen über die Kämpfe der revolutionären Arbeiterbewegung vollzogen haben, erschreckende Defizite waren entstanden. Die Zielstellung der vorherrschenden Geschichtspolitik ist darauf gerichtet, das Wissen über die Klassenkämpfe vergessen zu machen. Solche historischen Kenntnisse widersprechen der Aufrechterhaltung der bestehenden schlechten Zustände und deshalb haben die »Geschäftsleute«, die nun einmal die akademischen Einrichtungen beherrschen, auch kein Interesse an solche Forschungen.


Es stellt sich heraus, dass auch Fraktionen innerhalb der Linken, nicht nur das Interesse an solchen Arbeiten fehlt, sie stehen ihnen sogar ablehnend und feindlich gegenüber. Das Erinnern an revolutionäre Kämpfe widerspricht ihrer an Eduard Bernstein orientierten heutigen Politik, ihren Versuchen, sich mit dem herrschen System auszusöhnen. Und so erklären sie revolutionäre Kämpfe unisono für überholt und veraltet.


Wir sind in unseren Forschungen vom dialektischen Materialismus ausgegangen und betonen, dass seine Methodik uns half wesentliche politisch-historische Zusammenhänge zu erschließen. Darum beschränkten wir uns auch nicht auf eine Biographie Thälmanns, sondern suchten nach einer Darstellungsform, die über sie hinaus ging, um mit ihr den modernistischen Umdeutungen mit historischen Fakten entgegen zu treten. Wir kamen zu der Ansicht, dass ein Report zutreffender wäre und das wir mit ihm die Wechselbeziehungen zwischen Persönlichkeit und politischer Strategie und Taktik im Klassenkampf, zwischen Anspruch und realen Kampfbedingungen am besten auskommen. Mit den Fakten und Daten aus den Archiven können wir zugleich dokumentieren, wie aus alten bürgerlichen Kampfpositionen gegen die KPD heute neue antikommunistischen Legenden und Mythen geschaffen werden.


Wir wollen mit dem Report bewusst an die revolutionären Traditionen der Linken in Deutschland erinnern und deutlich machen, wohin die Konzeption von einem »demokratischen Kapitalismus« die deutsche Arbeiterbewegung geführt hat. Die historischen Erfahrungen lehren uns, dass es nicht ausreicht, eine schöne Formel über den demokratischen Sozialismus im Parteiprogramm zu haben und darauf zu hoffen, einmal über Parlamentswahlen eine antikapitalistische Alternative zu erreichen. Um diese Alternative aber kam es den Kommunisten in ihren revolutionären Kämpfen an und dieses Anliegen zu dokumentieren ist das Ziel unseres Reports.


Nicht zuletzt können die von kommunistisch geführten Kämpfe der Weimarer Republik für den gegenwärtigen Aufschwung der Arbeiterbewegung mit den globalisierungskritischen Kräften, der sich international gegen die Folgen der Durchkapitalisierung richtet, durchaus Erfahrungen vermitteln.


Ich möchte noch auf einige Schwerpunkte unseres Reports eingehen.


Wichtig war uns, die wechselseitigen Beziehungen zwischen der Kommunistischen Internationale und der KPD zu untersuchen. Hier gab es in der DDR Forschungsdefizite, die von der bürgerlichen Geschichtsschreibung immer wieder ausgenutzt wurden. Wir konzentrierten uns darauf, wieweit sich die Widersprüche im Klassenkampf in der Strategie und Taktik der Komintern reflektierten und wie Thälmann sie in politische Kämpfe umsetzen konnte. Dabei haben wir versucht, keine – auch noch so schwierige Problematik – auszulassen und ihrer reale Wirkung in Deutschland zu analysieren. Das betraf insbesondere die Beschlüsse des 6. Weltkongresses der Komintern und des nachfolgenden EKKI-Plenen.


Bei der Behandlung der Biographie Thälmanns kam es uns im Report darauf an, ihn als Vorsitzenden der KPD in den Widersprüchen seiner persönlichen Entwicklung zu zeigen, die durch den Klassenkampf geprägt waren. Also deutlich zu machen, wie er in diesen Kämpfen zum führenden Funktionär der Kommunistischen Internationale heranwuchs. Wir untersuchten welche Faktoren auf seine persönliche Entwicklung Einfluss nahmen und wie er vermochte die kommunistische Strategie und Taktik mitzugestalten, wie er revolutionäre Kader mitformte.


Dabei gehen wir im Report auf seine Beziehungen zu Lenin ein, den er 1921 kritisierte und zeigen, wie und wodurch er von einem kämpferischen Gewerkschafter über einen linken Sozialdemokraten zu einem überzeugten Leninisten wurde. Aber auch seine komplizierten Beziehungen zu Clara Zetkin, zu Wilhelm Pieck, Ruth Fischer, Heinz Neumann oder Heinrich Brandler haben wir kritisch hinterfragt. Wir versuchen aufzuzeigen, wie die konkreten gegenseitigen persönlichen Beziehungen vielfach aus den Klassenkämpfen heraus entstanden. Thälmanns unkritisches Verhalten Stalin gegenüber ist nur aus seiner Gegenwart zu verstehen, ohne dass er zu dem »Stalinisten« wurde, wie ihm das die Geschichtsrevisionisten eifrig versuchen, zu unterstellen bzw. wie sie die These indoktrinieren, dass er die KPD »stalinisiert« habe. Immerhin wuchs die KPD ihrer angeblichen »Stalinisierungsphase« zu einer Massenpartei mit über 300.000 Mitgliedern mit 100 Reichstagsabgeordneten heran. Richtig dagegen ist, dass Thälmann die KPD »bolschewisiert«, das heißt befähigt hat, eine Politik zur Eroberung der Arbeitermassen zu führen.


Wir haben auch die Entwicklung des Roten Frontkämpferbundes und seine Bedeutung für die KPD dargestellt. Hierbei ging es uns darum, wie Thälmann ihn zu einer politischen Massenorganisation der KPD führte, die von der Bourgeoisie wegen ihrer hohen Disziplin mit wachsender Furcht beobachtet wurde.


Mit großer Aufmerksamkeit haben wir besonders Thälmanns Analyse einer revolutionären Situation untersucht und seine Lehren, die er aus dem Hamburger Aufstand gezogen hat. Sie beweisen, wieweit er wirklich zu einem überzeugten Leninisten herangewachsen war. Es gehört geradezu zur Standardlegende der Repressivorgane, Thälmann zu unterstellen, der »bewaffnete Aufstand« sei seine »Kerndogmatik« und die der Militärpolitik der KPD gewesen, was Ronald Sassning, einst Dozent an der SED-Parteihochschule aus diversen Denkschriften des Reichsinnenministeriums und den Urteilen des 4. Strafsenats des Reichsgerichts bzw. den Gestapoakten brav abgeschrieben hat. (Blutspuren, S. 40)


Zum Verständnis dieser historischen und ideologischen Verknüpfungen und zum Verständnis der unterschiedlichen Klassenkampfsituationen wurden von uns gesonderte Exkurse eingefügt. So zur inneren Parteistruktur und zur Veränderung der Klassen- und Sozialstruktur und zur Soziologie der KPD, zur Kritik Clara Zetkins an der Strategie und Taktik der Komintern, zur Verfolgung Thälmanns durch die bürgerliche Justiz der Weimarer Republik und zum Schicksal deutscher Kommunistinnen und Kommunisten in der Emigration in der UdSSR sowie zur Auflösung der Komintern. Sie sind als Informationen gedacht, ersetzen aber keineswegs eine neue Darstellung der KPD-Geschichte, die wir nicht schreiben wollten.


Thälmann, der als Internationalist entschieden die Interessen der deutschen Arbeiterklasse vertrat, sah deren politische Präferenz als nationale Aufgabe des ganzen deutschen Volkes. Ihm war bewusst, dass der Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse nur im Bündnis mit allen Werktätigen und Mittelschichten geführt werden kann. Die Alternative zum Kapitalismus, für die Thälmann kämpfte, die Alternative zur Ausbeutung und Rechtlosigkeit von Arbeitern, Bauern und Angestellten, war der Sozialismus. Der Diktatur des Kapitals, als parlamentarische Demokratie verbrämt, stellte Thälmann die proletarische Diktatur als Rätedemokratie gegenüber. In vielen seinen Reden, besonders in der Hamburger Bürgerschaft, aber auch im Deutschen Reichstag, machte er das immer wieder deutlich.


Thälmann, der aktive linke Gewerkschaftsfunktionär, ist immer dagegen aufgetreten, das Kommunisten aus den Gewerkschaften austreten. Auch als die rechten Gewerkschaftsführer dazu übergingen, Kommunisten und von ihnen geführte Gewerkschaftsgruppen aus den freien Gewerkschaften auszuschließen, trat Thälmann allen Tendenzen entgegen, eigene KPD-geführte Gewerkschaften zu gründen. Er konnte sich nicht durchsetzen. Dennoch hörte er bis 1933 nicht auf, die Kommunisten zu ermahnen, freiwillig nicht aus den Gewerkschaften auszutreten und in ihnen, um ihre Revolutionierung zu kämpfen.


Es gehört zu den komplizierten Klassenkampfbedingungen, dass Thälmann nicht immer von seinen Mitkämpfern verstanden wurde auch nicht von seinen Genossen im EKKI, dem Führungsorgan der Komintern, dem er lange Zeit angehörte. So entwickelte er 1932 – sich an Lenin orientierend – die ersten theoretischen Ansätze zur antifaschistischen Volkfrontpolitik, gerade zur Zeit als Stalin die These »Klasse gegen Klasse« vertrat. Mit dieser indirekten Konfrontation wurde besonders deutlich, wieweit er sich von Stalins taktischer Orientierung unterschied. In der Leninschen Auffassung von kommunistischer Taktik verstand sich Thälmann dagegen (seit 1932) zunehmend mit Georgi Dimitroff, der damals das Westeuropäische Büro (WEB) in Berlin leitete.


Thälmann war kein Theoretiker, dafür aber verstand er sehr überzeugend taktische Fragen in realen Klassenkampfsituationen zu entscheiden und rang um ihre Durchsetzung. Doch es gelang ihm nicht immer, seine Vorschläge selbst im Präsidium des EKKI durchzubringen. In vielen Fragen hat ihm die Geschichte Recht gegeben.


In der Frage der Verteidigung der bürgerlichen Republik gegen den anstürmenden Faschismus, zögerte Thälmann jedoch und mit ihm die KPD-Führung. Die »Ebert-Hindenburg-Republik« zu verteidigen, lief ihrem Klassenempfinden entgegen. Lieber appellierte er immer wieder nur an die sozialdemokratischen und christlichen Arbeiter, mit den Kommunisten gemeinsam gegen den vordringenden Faschismus zu kämpfen.


Dieses taktische Defizit Thälmanns entsprach dem der kommunistischen Internationale. Doch ihr und damit auch der KPD die Schuld am Scheitern der Antifaschistischen-Einheitsfrontpolitik gegen den Faschismus zu geben, verzerrt die historischen Zusammenhänge. Man lese dazu nur die erhalten gebliebenen Protokolle der letzten Sitzungen des SPD-Parteivorstandes und seiner Reichstagsfraktion. Nach 1933 hat Thälmann in seiner Zelle ebenso wie die KPD-Führung versucht, die politischen Defizite der Klassenkämpfe zu analysieren und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.


Der III. Teil des Reports umfasst die Jahre nach 1933. In diesem Teil sind auch ausführlich auf Rosa Thälmann eingegangen, auf ihre mutige Unterstützung ihres Mannes und Kampfgefährten. Zehn Jahre Haft, die Verbindungen zu seiner Partei, seiner Frau und seinen Rechtsanwälten sowie seine psychologische Situation stehen Mittelpunkt dieses Teils. Hier sind es die Standhaftigkeit eines Antifaschisten in der Isolierhaft sowie deren Auswirkungen, die wir untersuchten.


Wenn es auch in den ersten Jahren vor allem um den Prozess ging, den Hitler gegen ihn und die KPD führen wollte, ist es doch überraschend, wie es Thälmann verstand, seine politische Verteidigung mit der zu koordinieren, die Antifaschisten von Moskau bis Paris vorbereiteten. Warum der Prozess scheiterte und Hitler damit dem inhaftierten Thälmann unterlag, werden wir noch in einer Internet-Dokumentation mit Dokumenten detailliert ergänzen.


Sehr genau konnten wir darlegen, wie die streng geheime Anklageschrift nach Moskau kam, ohne dass die Gestapo jemals den Weg klären konnte. Wir dokumentieren zudem, dass es Hitler war, der über Thälmanns Schicksal und seinen Haftbedingungen letztlich entschieden hat. Ebenso haben wir die unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Haftanstalten ermittelt, auch die letzten Jahre in Bautzen. Hierzu haben wir das interessante Material auswerten können, das sowjetische Ermittler des NKWD zusammengetragen hatten.


Thälmanns und Rosas Kurierverbindungen wurden von uns noch einmal detailliert untersucht, alle Klarnamen der Kuriere konnten wir feststellen und haben ihre Leistung gewürdigt, auch die von Walter Trautzsch, als er der Gestapo in die Hände gefallen war und sie täuschen konnte. Der Gestapo gelang es niemals zu ermitteln, wie die Kurierverbindung funktionierte. Auch warum es Trautzsch gelang, die Gestapo zu täuschen, legen wir offen.


Zur Hinrichtung von Kattner, dem Verräter, seine Bedeutung für den bebsichtigsten Prozess gegen die KPD und die Beurteilung der Tat durch Dimitroff legen wir neue Dokumente vor, ebenso zu den verschiedenen Befreiungsversuchen und zu den Ursachen, woran sie scheiterten. Hier widerlegen wir auf der Grundlage der Aktenlage konkret die Phantastereien der Thälmann-Antipoden, dass es Stalin oder Ulbricht waren, die Thälmanns Befreiung verhinderten.


Zur der Propagandathese der Geschichtsrevisionisten, dass in der DDR mit Thälmann ein Kult betrieben wurde, möchten wir eindeutig feststellen, dass wir den Versuch der DDR, die Jugend am Beispiel Thälmanns zu erziehen, – auch wenn es dabei peinliche Überspitzungen gab –, eindeutig zivilisatorischer war, als der Rummel, der jetzt um Ratzinger oder jener, der mit ehemaligen Nazigenerälen getrieben wird.


Wie die Justiz der Bundesrepublik mit den Mördern Thälmann umging, sie niemals ermitteln wollte, konnte im Report dank der Mitarbeit von Ralph Dobrawa sehr überzeugend und ausführlich dokumentiert werden. Wiljo Heinen verliest dazu ein Statement von Ralph, der leider nicht nach Nürnberg kommen konnte.


So werden in dem vorliegenden Report eine Reihe neuer Aspekte erkennbar, ohne dass wir die fruchtbaren Ergebnisse der IML-Biografie revidieren mussten. Aber wir haben versucht jene Lücken zu ergänzen, die aus welchen Gründen auch immer, in der noch jungen Historiographie der DDR entstanden waren. Dennoch und gerade deswegen widerlegen wir so die unsäglichen und gehässigen Fälschungen von Weber, Kinner, Sassning oder Regina Scheer, jener Karrieristen aus der DDR, die zum Klassengegner übergelaufen sind.


Doch zu einem der Renegaten will der ich hier eine Anmerkung machen, auf die wir im Report verzichtet haben. Auf Egon Grübel, dem DDR-Journalist, der unter dem Pseudonym Thilo Gabelmann »Enthüllungen über Thälmann« geschrieben hat. Er steht mit seinem politischen Verhalten auf dem Niveau von Anna Reese, der altbewährten Antikomintern-Agentin aus Goebbels Propaganda-Ministerium, zu der auch Ernst Torgler gehörte, die im Auftrage des Nazi-Propagandachefs nachweislich tätig war.


Bei Grübel werden mit aus dem historischen Zusammenhang gerissenen Halbwahrheiten, hintergründigen Vermutungen und Zeugnissen von Dissidenten handhabbare Legenden geschmiedet. Gabelmanns Antikomintern-Sicht ist von einer raffinierten »haltet den Dieb-Methode« getragen, Fälschungen mit Fälschungen zu unterstellen. Sein flotter Stil ist an keinen historischen Zusammenhang gebunden, er zwirnt neue antikommunistische Mythen und zielt auf Unwissenheit und Aktenunkenntnis. Solch Handwerk bringt zwar modernes Medienlob, steht aber jedem zivilisatorischen Fortschritt unserer Gesellschaft entgegen. Doch in diesem Ziel ist er sich mit anderen Renegaten einig. Da Grübel die Quellen seiner freien Schöpfungen selbst für Kenner der Archive nur erahnen lässt, verschließt er sich wohlweislich jeder konkreten Sachkritik, die er zweifelsfrei auch nicht sucht. Sein Pamphlet steht für das Niveau der modernen in den Medien betriebenen Geschichtspropaganda.


Ronald Friedman hingegen, der in seiner Arbeit über Gerhart Eisler die Positionen der Brandler-Leute verteidigte und sich dabei im wesentlichen auf Hermann Weber und auf die Akten der Weimarer Repressivorgane stützte, hat sich über unseren Report furchtbar geärgert und ihn in einer Rezension deutlich gemacht. Das verstehen wird durchaus und akzeptieren seinen Groll. Seine Methode, mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, Behauptungen ohne Quellenbelege und Unterstellungen zu polemisieren, besticht zwar durch ihre Hilflosigkeit, doch sie blockiert eine sachliche Diskussion und erschwert mit ihrem Zynismus auch eine politische Zusammenarbeit der Linken. Wo es uns zu Versachlichung einer Debatte als notwendig erscheint, werden wir uns im Internet mit seiner Methode noch im Detail auseinandersetzen.


Thälmanns Erbe ist für Kommunisten unverzichtbar und sein klassenbewusster Kampf um Freiheit und Rätedemokratie, gegen die Diktatur des Kapitals, bleibt ebenso wie seine antifaschistische Haltung das Vorbild für kommunistische Politik. Ihn gegen Verleumdungen zu verteidigen, ist in der Gegenwart zugleich ein Anliegen des antifaschistischen Erbes.


Mit unserem Report wollen wir beweisen, dass die historische Wahrheit eine scharfe Waffe der Arbeiterklasse im Kampf um die Freiheit vom Kapitalismus ist. Wir haben im Report einige Lücken lassen müssen, da wo die Primärquellen nicht zur Verfügung standen. Auf die Renegatenliteratur haben wir, wegen ihrer subjektiven Unzuverlässigkeit, verzichtet. Dennoch können wir Fehler, die uns unterlaufen sind, nicht ausschließen. Und deshalb ist uns auch jede sachliche Kritik willkommen, die uns hilft, unsere Forschungen zu vertiefen.

 

Eberhard Czichon, November 2010